Irmi Obermeyer

IMAGO

 
IMAGO        
 
Irmi Obermeyer hat mich gebeten, die Einführung für ihre neue Ausstellung zu schreiben. Eine Herausforderung für mich – bin ich doch keine Kunsthistorikerin. Wie kann, wie soll ich mich diesen Arbeiten nähern? Und noch wichtiger: Wie kann ich Ihnen diese Arbeiten näher bringen? Ich – die Sprachwissenschaftlerin. Gut, ich versuche es mit Ruhe und Disziplin und meinem germanistischen Handwerkszeug.
 
Zunächst die Begriffsklärung. Irmi Obermeyer betitelt ihre Ausstellung IMAGO. In der Zoologie, so sagt mir Wikipedia, bezeichnet IMAGO das erwachsene, geschlechtsreife Insekt nach der Verpuppung oder der letzten Häutung. Kann das etwas mit diesen Bildern zu tun haben? Schichtung? Verpuppung? Häutung? Metamorphose? Was denken Sie?  
 
In der Psychologie hingegen, so fährt Wikipedia fort, bezeichnet IMAGO das unbewusst entstehende, erste Bild von Beziehungspersonen, in der Regel von Vater und Mutter. Ein unbewusstes Bild – Traum, verschwommener Eindruck, Schweben - ist da eine Spur? Weiterhin lese ich: Die größte begehbare Großformatkamera der Welt heißt IMAGO. Ebenso gibt es eine römische Standarte IMAGO und ein mongolisches Längenmaß IMAGO. Ich bin nicht sicher, ob die Auskunft zum mongolischen Längenmaß mich weiter bringt. Ich beschließe deshalb, nach dem Ursprung des Wortes zu schauen. IMAGO kommt aus dem Lateinischen, ist ein Femininum (wie Irmi auch!) und bedeutet: Bild, Bildnis, Gemälde, Portrait, Wachspuppe. Na, ja. Wachspuppe. Aber insgesamt scheine ich der Sache näher zu kommen. IMAGO, so lese ich weiter, kann auch übersetzt werden mit Ahnenbild, Abbild, Ebenbild, Schattenbild, Schemen, Traumbild, Truggestalt, bloßer Schein, Scheinbild, Vorspiegelung, Echo, Gleichnis, Metapher, Vorstellung von etwas, Gedanke an etwas, Einbildung. Wie viele von den Begriffen haben Sie sich gemerkt? Nun, wie auch immer: das Wort ist von beeindruckender Vieldeutigkeit, und eines wird zumindest deutlich: es beschäftigt sich in seinen Assoziationen und Konnotationen mit unserer Wahrnehmung von Welt. Wie also nehmen wir die Welt wahr? Möglicherweise ist das eine Frage, die uns den Arbeiten Irmi Obermeyers näher bringt. „Lose your mind and come to your senses“ - Fritz Pearls fällt mir ein. Der Vater der Gestalttherapie, der uns wach machen will für die Wahrnehmung im Hier und Jetzt. Das hieße nun: Einfach schauen und entdecken, was wir sehen. Versuchen wir es - schauen wir einfach!
 
Im Gespräch sagt mir Irmi Obermeyer, sie male nicht nach Fotographien, sie bilde nicht ab. Das sei nicht ihr Interesse. Gleichwohl, fährt sie fort, könne ein optischer Eindruck, den sie empfängt, Inspiration für eine Arbeit sein. Inspiration bedeute aber nicht emotionale Befindlichkeit, das Bild drücke nicht ihren Geisteszustand aus. Ihre Arbeit habe mit malerischen Prinzipien, nicht mit ihrer Befindlichkeit zu tun. „Fantasie haben heißt nicht, sich etwas auszudenken, es heißt, aus den Dingen etwas zu machen.“ So hat es Thoman Mann ausgedrückt.
 
Irmi Obermeyer sagt, es interessiere sie die Raumtiefe, die Malerei erzeugen kann, das Spiel damit. Das Auge soll durch die Illusion von Raum gleichsam ins Bild hineingezogen werden. Warum? Weil ihr der Dialog des Betrachters mit dem Bild wichtig ist. Am allerwichtigsten. Sie will den zweiten, ja den dritten Blick provozieren. Was ist es? Mag ich es? Ist es schön? Oder bedrohlich? Verstörend? Abstoßend? Fasziniert es mich? Was meine ich zu erkennen, wenn ich schaue? Und wenn ich ein zweites Mal schaue? Und ein drittes Mal?
 
Ein Kinderspiel fällt mir ein. Mein Vater und ich haben uns in die Wiese gelegt und in die Wolken geschaut. Dann haben wir uns gegenseitig beschrieben, was wir sehen: dünne Zwerge und üppige Riesenfrauen, Flugzeuge und hohe Absatzschuhe, Krokodile und einen Dinosaurierschädel, majestätische Berge, Raketen, Haifische, Kochlöffel, ein Seepferdchen auf Schlittschuhen, the dog of Baskerville, freundlich winkend....
 
Irmi Obermeyer sagt, sie möchte nicht mitteilen, was sie sich beim Malen gedacht hat. Sie fordert uns heraus, selbst zu imaginieren, was wir in einem Bild sehen. „Don't push the river. It flows by itself“. Wieder Fritz Pearls.
 
Also gut: Was sehe ich?
Üppiges, fließendes Haar, das versunkene Atlantis, eine Frau, die sich hinunterbeugt zu ihrem Kind, Lichtgeschwindigkeit, Nervenbahnen, ein Fischernetz, ein männliches Becken mit Penis, Totenköpfe, ein Kolibri, Blumen im Sturm, Urwald, eine Frauenleiche in einem Steinbruch, einen Vulkan, Textilfasern, eine Hexe, die böse schaut, einen spiegelnden See in einer Waldlichtung, eine Moorlandschaft, Polarlichter, Wurzeln, eine ganze Reihe sehr dünner Menschen, die auf Charon warten, Kois in einem Teich, Feuer, ein vom Sturm zerzaustes Maisfeld, ein Läufer in schneller Bewegung, Glühwürmchen fliegen durch eine Gewitternacht, ein Korallenriff, Kronos, Zeus und Poseidon kämpfen in einer brennenden Landschaft, ein Cowboy auf einem Pferd, ein aufgesplittertes Knie. Und immer wieder und überall: Gesichter.
 
Gewalttätig. Zärtlich. Dynamisch. Verschwommen. Zwielichtig. Wild. Und oft scheinbar unendlich tief. Eine Bildtiefe, die mich schon bei der ersten Betrachtung zur Ruhe bringt und mich mitnimmt auf einen gleitenden Flug, einen niemals endenden Fluß.
 
All dies schenken mir diese Bilder, mir, dem endlichen, begrenzten Wesen.
 
Imagine von John Lennon fällt mir ein: Imagine there's no countries / It isn't hard to do / Nothing to kill or die for / And no religion, too.
Politisch sei ihre Kunst nicht, sagt mir Irmi Obermeyer im Gespräch. Aber ohne Phantasie, ohne die Möglichkeit aus den Dingen etwas Neues zu machen, wie wäre eine andere, eine bessere Welt überhaupt vorstellbar?
Irmis malerische Welt ist offen und frei. IMAGO. Imagine. You, you may say I'm a dreamer /
But I'm not the only one. / I hope someday you will join us. / And the world will be as one.
Was können wir mehr wollen?
 
 
 Im Oktober 2016
Silvia Armbruster – Intendantin des Theaters in Kempten