Irmi Obermeyer

Laudatio

Laudatio Irmi Obermeyer bei Endress + Hauser in Nesselwang am 07.05.2024
 
Liebe Irmi, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Gäste, liebe Musiker und natürlich liebes Endress + Hauser - Team,
Kunst kommt von können – wie alle anderen Berufe auch.
Wir sagen „Das ist doch keine Kunst“, wenn wir meinen, dass etwas recht einfach zu bewerkstelligen sei. Im Umkehrschluss müssten wir daher immer „Das ist aber Kunst“ sagen, wenn wir etwas beschreiben, was anspruchsvoll und kompliziert ist.
Ich nehme mal an, dass hier im erfolgreichen Unternehmen Endress + Hauser vieles „echte KUNST“ ist, dass Sie hier viele Kompetenzen beherrschen und diese mit hoher Professionalität betreiben.
Nun kommt zur unternehmerischen Kunst – nicht zum ersten Mal – echte Kunst. Diese Doppelung kann eigentlich nur funktionieren und sich gegenseitig befruchten und ist ein wunderbares Beispiel der von mir regelmäßig propagierten Unternehmenskultur!
Dass man Kunst lernen kann und muss, hierfür liefert Irmi Obermeyer den Beweis. Denn ihr wurde die Kunst nicht in die Wiege gelegt, auch wählte sie die Kunst nicht als ihren ersten Ausbildungsberuf (wer traut sich das schon?).
Irgendwann aber wurde ihr klar, dass die Kunst in ihr Leben gehört und dass sie das Berufsbild Künstlerin anstreben wolle. Hierfür hat sie hart gearbeitet, gelernt und gelehrt, viel Geld in Kurse und Material investiert und tut das immer noch.
Die Künstlerin und ich kennen uns seit etwa sechs Jahren, und ich bin regelmäßig beeindruckt, was sie Neues entwickelt. So wagte sich die Malerin, die den Pinsel absolut souverän beherrscht und sogar mit einem eigens entwickelten „Pinselkonstrukt“ arbeitet, plötzlich an Airbrush-Malerei und genoss diese neue Wildheit der Form.
Bei meinem letzten Atelierbesuch habe ich mir folgende Sätze der Künstlerin notiert:
·      Es gibt nur ein VORAN.
·      Ich weiß immer, wohin ich will.
·      Die Kunst ist das Ventil, mit der ich die Dinge in die eigene Energie umwandeln kann.
·      Der Gegenstand interessiert mich nicht, aber der Raum.
·      Meine Malerei ist gemalte Stenographie, ich zeige Kürzel von Gesehenem.
·      Die Vorlage meiner Kunst sind immer der Mensch oder die Natur.
·      Schönheit ist flankiert von Fehlerhaftem, Bruchstellen und Problemzonen, die ganze Welt hat Problemzonen.
Soweit ein paar Wortschnipsel einer Frau, die heute mit ihren Bildern im Mittelpunkt des Abends steht.
 
Irmi hat von Lust, Energie, Raum, Mensch, Natur, Schönheit und Problemzonen gesprochen.
Wollte man diese Begriffe mit einem Titel fassen, so lautete dieser: DAS LEBEN.
Ja, es ist das Leben, was wir hier gemalt sehen, es ist das Leben aus der Sicht einer zeitgenössischen Allgäuer Künstlerin, das Leben in seiner Farbigkeit, das Leben in seiner Größe und das Leben im Detail.
Seit 2016 arbeitet Irmi Obermeyer übrigens im „aktiven Weißraum“. Das Bild „Skyfall“ und noch ein paar weitere Motive in der Ausstellung liefern einen exemplarischen Eindruck von ihrer Malerei vor der 2016er Wende, als die Malerei noch im „dunklen Raum“ verortet war.
Mit aufwändig gebauten Pinselkonstruktionen entwickelt die Malerin abstrakte Bilder, deren Ursprung oft in der klassischen Kunstgeschichte liegt. So sind es Stoffe alter Meister, wie beispielsweise gemalte Hauben in den Gemälden des niederländischen Malers Jan Vermeer, die sie faszinieren. Obermeyers Bildern liegen lange Recherchen zugrunde, mal sind es Ausstellungsbesuche, mal Kataloge oder Dokumentationen über kunsthistorische Vorbilder und Wegbereiter wie z.B. die große Künstlerin Louise Bourgeois.
Ganz bewusst setzt Irmi Obermeyer die Linie als strukturales Element ein, um ihrem Bildraum noch eine weitere Ebene zu verleihen, die man durchaus als „klassisch elegant“ bezeichnen könnte. Ja, wir haben es hier mit klassischer Malerei zu tun!
Die Bilder der Allgäuer Künstlerin basieren auf einer mehrschichtigen Grundidee, bei der die gedankliche Freiheit und die künstlerische Unabhängigkeit eine zentrale Rolle einnehmen. Irmi ist – wie so viele ihrer Kolleginnen und Kollegen – kompromisslos, ehrgeizig und im Geiste frei, eine manchmal toxische Mischung für die Umwelt.
Denn was zunächst leicht und beschwingt daherkommt, ist das Ergebnis langjähriger Erfahrung und großen Könnens. So toleriert Obermeyers Technik kein Zurück, kein Zögern und keine Korrektur. Diese Künstlerin weiß, was sie will bzw. sie beginnt erst dann mit der Malerei, wenn sie im Kopf bereit für die Arbeit ist und wenn sie ein Scheitern nahezu ausschließen kann.
Das heute so beliebte „copy and paste“-Verfahren ist ein echtes Tabu für diese Kunstwerke, die im besten Sinne analog und einzigartig sind. Umso beeindruckender ist es daher zu sehen und förmlich zu spüren, wie souverän diese Malerin in der zweidimensionalen Fläche den dreidimensionalen Raum erobert.
„I need a hero“ lautet einer der erfolgreichen Songs von Bonnie Tyler. Sie sucht ihren Helden im Lied bis zur Nacht und bis zum Morgen und singt im Refrain mehrfach „He’s gotta be larger than life“.
„Größer als das Leben sein“ müssen alle unsere Helden, die kleinen und die großen. Wie sieht ihr Held / ihre Heldin aus? Ist es ein bestimmter Mensch oder ist es eine Tat oder eine Erfindung oder eine Erfahrung, die Sie selbst zum Helden oder Heldin werden ließ?
Warum rede ich hier über Helden? Weil wir hier im Foyer alle auf ein fantastisches und sehr „mutiges“ Bild blicken, das den Titel „Hero“ trägt.
Ich weiß von der Künstlerin, dass jeder ihrer Titel reflektiert und eigens ausgewählt ist, dass die Titelfindung nochmals eine Art Ergebnis eines inneren Dialogs ist.
(Nachtrag: Im Presserundgang vor der Vernissage erfuhr ich übrigens, dass „Hero“ eine Hommage an David Bowie ist).
Meine Einladung an Sie lautet daher ganz konkret:
Stellen Sie sich z.B. vor „Hero“, nehmen Sie das Bild als Ihr Gegenüber an, lassen Sie es wie einen Spiegel wirken. Ein Spiegel, der vielleicht den einen oder anderen eigenen Gedanken spiegelt und Sie somit in eine Verbindung zu Malerei von Irmi Obermeyer bringt.
Denn wir sehen in der Kunst immer uns selbst!
Ich bin sicher, dass diese Ausstellung viele Augen staunen lässt und viele Menschen begeistern wird. Diese Kunst ist zeitlos gut und generationenübergreifend gültig.
 
© Andrea Dreher, Ravensburg, 7. Mai 2024