Irmi Obermeyer

Die Frau mit den samtweichen Rapidographenfingern

Irmi Obermeyer
Die Frau mit den samtweichen Rapidographenfingern
 
Unzählige Streifen, mal filigran, zart, wie auf dem Reißbrett gezogen, mal schwungvoll farbig leuchtend, fließen in das Bild hinein und wieder hinaus. Wie der Blick aus dem Zugfenster bei Tempo 200. Sonnenstrahlen blitzen durch Äste, durch Blätter, durch Sträucher und Büsche, über zerklüftete, sich wellenförmig auffaltende Gesteinsformationen. Landschaft verschmilzt, hebt sich auf im stromlinienförmigen Mäandern unterschiedlicher Farben und Formen und lässt gleichsam, den flüchtigen Augenblick festhaltend, neue Landschaften und Ereignisse entstehen.
 
Ein dreibeiniger Habicht fliegt vorbei. In jedem Flügelschlag ist der Puls zu vernehmen, der sich auf dem Untergrund ausweitet. Pinselbreite um Pinselbreite hinterlässt er Spuren der Bewegung. Es entladen sich organisch anmutende Strukturen. Vielschichtig, geschichtet, Jahreszeiten, Geschwindigkeiten überlagert, bilden sich energiegeladene, dynamische Zentren, die in der Summe der Details in abstrakte Bilder fluchten.
 
Makroskopische Aufnahmen des Grand Canyons, bizarre Unterwasserwelten, prächtige Formationen, Felder von Wolken und Schleiern, die miteinander verwachsen und verwoben sind. Unterschiede im spontanen Eigenleben des Farbauftrags münden in unberührt ästhetischer Stofflichkeit und eröffnen in der Begegnung ihre eigene Zeit, ihren eigenen Raum.
 
Während im selben Moment eine Elefantenherde durch die Savanne stampft. Kraftvoll vibriert unter ihren Füßen das Erdreich. Staub wirbelt auf. In einiger Entfernung schlägt ein Seismograph an. Das Magnetfeld zittert. Auf dem sich abrollenden Papierband werden die Erschütterungen sichtbar.
 
An anderer Stelle das schwungvolle Kreisen schneidender Kufen auf dem Eis. Kinder drehen ihre Runden, Rotoren eines Hubschraubers surren geräuschvoll über sie hinweg. Ein faltiger Hemdsärmel weht verzögert im Wirbel des Windes. Oder sind es holländische Hauben, die von einem Tellerjongleur geschmeidig kreiselnd in der Luft gehalten werden?
 
Momente, Stimmungen festgehalten, die auf geheimnisvolle Weise von ihrer Existenz berichten. Abstrakte Geschichten, Regionen und Orte - namens Antelope und Cassina gleich - lassen in ihrem amorphen Gefüge einen lebendig bewegten Kosmos erblühen.
 
Spontan, intuitiv und zielgerichtet, aber nicht in aller Gänze steuerbar, entsteht fließend, lasierend, bald skulptural der Wunsch, dieser Natur des Verlaufs von Form und Farbe bis in die Tiefen hinein nachzuspüren.
 
 
 
Sophia Neopren im November 2019